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Wie kommt die Kunst zur Welt

von Gisèle Mengis

Heinrich von Kleist äusserte sich ausführlich «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Umberto Eco stellte uns das «Offene Kunstwerk» vor, welches komplex und vielschichtig ist und in seiner ganzen Anlage nicht Lösungen präsentiert, sondern Gegebenheiten zeigt, die zur Interpretation einladen.

Keine klaren Vorstellungen, keine überwältigende Inspiration also, sondern irritierende Schwebezustände, Momente der Fülle und der Leere sind Voraussetzung für Werke der Kunst.

Solches Schweben zwischen Ahnen und Erfassen kennt auch Kathrin Biffi. Es scheint gerade dieser Zustand zu sein, der sie herausfordert. So lässt sie sich ein auf eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Material und Form. Aufmerksam und geduldig forscht sie mit Papieren und Schnitten, faltet, zeichnet und setzt Farbe ein, testet Widerstandskraft und beobachtet Veränderungen. Immer lieber wird ihr dabei das Planpapier, mit dem sie als Tochter eines Architekten seit ihrer Jugend vertraut ist. Sie bezeichnet dieses mit Tusche und Bleistift, ritzt mit scharfen Instrumenten die Oberfläche oder beschichtet diese mit Wachs. Vielfach sind solche Eingriffe erst sichtbar, wenn Kathrin Biffi das Papier mit (Öl-)Farbe imprägniert. Bewusst wird dabei zwischen der Vorder- und der Rückseite eines Papierbogens unterschieden. Und noch etwas ist wichtig:
Es wird nicht nur hinzugefügt, sondern oft wird Farbe weggewischt, Papier ausgeschnitten, schabloniert und radiert.

Das Schneiden unterscheidet sich wesentlich vom Falten des Papiers. Klar und eindeutig trennt der Schnitt, während beim Falten das Papier sich zusammenzieht, kleiner wird, also reagiert. Falten verbergen und zeigen, kennen Höhen und Tiefen, Licht und Schatten. Der Papierbogen bleibt als Ganzes erhalten. Schnitte legen bloss, öffnen, entfernen. Beim Schneiden arbeitet Kathrin Biffi mit präzisen Grundmustern:
Wellenformen, Dreiecke, Bänder zum Beispiel. Solche Muster findet sie in der Natur: Wellen des Wassers, auf Sandebenen; Dreieck-Strukturen in Stängeln von Pflanzen, im Schnitt durch Gemüse. Muster können zu Serien gefügt oder in Variationen wiederholt werden.

Kathrin Biffi arbeitet stetig und konzentriert. Sie sucht nach inneren Gesetzmässigkeiten, ringt dem Papier Offenbarungen ab. Sie entdeckt Strukturen, die nicht nur formal interpretiert werden, sondern Beobachtungen im persönlichen Bereich, im sozialen oder psychologischen Kontext darstellen können. So werden sowohl geometrische Netze wie auch organische Wellenformen eingesetzt. Neue Orte können die Wahrnehmung anregen. In den Ferien im Tessin erblickte Kathrin Biffi die Steine in der Maggia auf völlig neue Weise. Hunderten kleiner Inseln gleich lagen sie da, kreisförmig hell leuchtend im dunklen Wasser. Aus dieser Erfahrung entstand eine Reihe von Arbeiten. In den Papierbogen geschnittene, wellenförmige öffnungen geben die Sicht frei auf die darunter liegenden Papiere. Damit ist ein weiterer Schritt im Arbeitsprozess von Kathrin Biffi angesprochen: der Bau dreidimensionaler Objekte aus flachen Elementen wie Papiere, Karton. So entstehen mehrschichtige Bilder, bei denen die Transparenz des Papiers, Perforierungen und Schnitte die verschiedenen Ebenen auf- und durchscheinen lassen. Zarte, fragile Kästchen aus Lagen von fein gefärbtem Papier tönen das Licht, zeigen hellere und dunkle, diffuse und klare Stellen, je nachdem, wie die Lagen durch Schnitt und Zeichnung bearbeitet wurden. Dem Papier werden hier alle seine Qualitäten abgefordert:
Träger zu sein von Zeichnung und Farbe, Licht nicht nur zu reflektieren, sondern auch durchscheinen zu lassen, ganz zu bleiben trotz Schnitten und Falten und zuletzt eine dreidimensionale Form zu stützen. Man betrachtet diese Objekte voll Bewunderung für ihre Klarheit und ahnt gleichzeitig die Geheimnisse, die sie in sich bergen.

Kathrin Biffi wurde für ihr Arbeiten mit hervorragenden Preisen geehrt.

Gisèle Mengis, 2005